"Föhn in München" | Künstlerhaus München

 

Vernissage       05.07.2012     |   17h

 

Ausstellung      06. - 19.07.2012

 

Ort   Kunstkabinett  |  Künstlerhaus am Lenbachplatz, München

 

 

 

 

 

Eröffnungsrede von Urte Ehlers, Kunsthistorikerin an der Pinakothek der Moderne, München (Auszug)

 

 

Es weht ein frischer Wind aus Südwesten....

Der Föhn ist, wenn er weht, überall.

Der Föhn beeinflusst und untergräbt alles:

der Föhn ist somit omnipotent, er hat alle Fäden in der Hand.

So dachten sich neun Künstler. Lasst uns Föhn sein.

Wir vernetzen uns, gemeinsam erreicht man mehr.“ 1

 

Der Föhn kommt als singuläres Ereignis, dringt jedoch in alles ein, erreicht alle.

(..)

 

Künstlergemeinschaften gibt es viele, Netzwerke nicht. Nicht jeder hat das Vermögen, sich so extrovertiert in Szene setzen zu können und einen kongenialen Partner zu finden wie Neo Rauch mit seinem besten Freund und späteren Galeristen Gerd Harry Lybke.

 

Das Künstlerhaus am Lenbachplatz ist eigentlich genau der richtige Ort, um dem Sendungsbewusstsein der Kunst und ihren Vertretern einen Ausgangspunkt zu bieten:

Hauptgedanke seiner Gründerväter um den Verein Allotria“ (kleine Randbemerkung, ein ähnlich programmatischer Name, der schon die Bestimmung vorweg nahm wie Föhn auch) war es, einen Treffpunkt der Künstler mit der Gesellschaft zu schaffen. Nach dem 2. Weltkrieg war das Haus zwar Tagungsort vieler Kongresse, der Film- und Medientage, doch musste sich die Gründungsidee des Münchner Künstlerhauses dem jeweiligen Verwendungszweck unterordnen. Seit 1998 werden vielfältige Schritte unternommen, eine ausgewogene Synthese aus der Gründungsidee einerseits und wirtschaftlicher Verantwortung und Nutzung andererseits zu erzeugen. Das Ehepaar Grassinger hat sich, so denke ich, deshalb nicht zufällig bereit erklärt, einem neuen Künstlerverein die Türen zu öffnen. Sie und ich möchten, dass die regulierende Wirkung, die Kunst besitzt, quasi ein Korrelativ der Gesellschaft, nicht nur durch rauschende Feste Eingang in die bessere Gesellschaft findet, sondern durchaus auch ihr Alltagsbewusstsein prägen darf...

 

Was sind das also für Künstler, die Föhn genug sind, dass sie hier„rein durften“? Dass sie wie der Föhn mit einem leisen Lufthauch alles durcheinanderbringen könnten?

 

Bei der Vorbereitung zu dieser Rede fiel mir zunächst auf, dass sie mindestens zwei Generationen überspannen. Wir haben hier einen, entschuldigen Sie den Ausdruck, lieber Herr Geipel,  alt gedienten Meister der Bildhauerei, der von sich auf der Homepage sagt, dass er „den Menschen im Weg steht“, dass seine Arbeit in einem „umfassenden Prozess von Erfahrung und Ahnung, Idee und Materie seine Arbeit Gestalt annimmt, da ist, und vom Weg, vom Dasein und Gegenwärtigsein erzählt.“ Dessen Arbeiten das Entstehen und Werden von Materie in seinen Skulpturen gleichsam erst im Sehprozess des Verfassers fassbar macht und so über das Materielle hinaus und auf die Allansichtigkeit der Dinge verweist. Seine Arbeiten haben kein Anfang und Ende, hinten und vorne und strafen der Maßgeblichkeits des Reliefs, das Hildebrandt in seinen theoretischen Überlegungen für den Vater Rhein Brunnen hier draußen vor unseren Augen noch für den absoluten Maßstab qualitätvoller skulpturaler Arbeit hielt..


Daneben stehen Eva Blanché und Hanne Kroll, die die jüngere Frauengeneration vertreten, die handfeste Dinge malen, denen nichts ätherisches anhaftet, die jedoch auch kein „Kampfemanzentum“ mehr brauchen, weil sie sich wie Eva Blanché lieber auf subtil ironische Weise mit unserem weiblichen Selbstverständnis auseinandersetzen. Eva Blanché generiert mit einem fokussierten Blick in ihren Intérieurs die Gestaltungsversuche unserer Intimsphäre zu absurden Stillleben der menschlichen Zivilisation und lädt uns so dazu ein, kritisch die Wahrnehmung unseres selbst gestalten Umfeldes und die Errungenschaften unserer Zivilisation zu überdenken. Indem sie je nach Zusammenstellung der Elemente eine unterschwellige und fragwürdige Symbolik inszeniert, stellt sie unsere Naivität der Wahrnehmung von alltäglichen Gegenständen und deren „Beziehungen“ bloß. Du zeigst mir, wie du wohnst und ich sag dir, wer du bist“.

 

Die Bilder Hanne Krolls zeigen uns unter anderem die degenerierte Natur in der von uns mitgestalteten Tierwelt, indem in der Monumentalisierung nebensächlicher Gegenstände und Motive vermeintlich niedliche Hunde auf den zweiten Blick seltsam monströs anmuten oder wir die Farbspiele des preisgekrönten Karpfen in ihrer übertriebenem Farbigkeit und angeschnittenen Form als das vorgeführt bekommen, was sie sind: Kunstwesen mit sorgsam gezüchteten Mustern.

 

Es fiel mir auf, dass sich innerhalb des Netzwerks polar entgegengesetzte Kunstauffassungen vereinen. Im Gegensatz zum Zivilisationsblick Blanchés und Krolls arbeitet Andrea Kreipe, mit von der Natur gestellten Materialien oder sie lässt das ausgewählte Material von der Natur gestalten, indem sie als Künstlerin lediglich konstituierend eingreift, ohne die Arbeit der Natur zu unterbinden. Übergreifendes Thema ist bei ihr die „Einordnung des Menschen in die natürliche Umgebung“ das Ausgeliefertsein aber auch das „sich Bescheiden und Aussöhnen“2. Ihre Werke reflektieren auf diese Weise durchaus auch realpolitische Fragestellungen des Verhältnisses Mensch und Natur.

 

Die Bildhauerin Ilse Bill setzt die in der Natur durch menschlichen Einfluss entstandenen Strukturen, wie zum Beispiel die Wege die der Mäher auf abgemähten Wiesen hinterlässt, in ihren Reliefs in eine abstrakte Bildsprache um.

Also genau das Gegenteil von Andrea Kreipes Herangehensweise. So verhilft Bill uns mittels ihres künstlerischen Blicks zu neuen Wahrnehmungsmöglichkeiten und Sichtweisen, die wir in dieser zergliederten Welt dringend benötigen.

 

Daniela Kammerer fängt mit ihrem gestischen Ausdruck ein Psychogramm unserer Seelenzustände ein, als ob man unsere reichhaltigen und chaotischen inneren Welten überhaupt in Ikonogramme fassen könnte. Wie soll man beispielsweise den Gesamteindruck einer Reise in ein fernes Land, alle persönlichen und sinnlichen Eindrücke auf einmal beschreiben?

 

In den Gemälden Karl Schleichs  klingen narrative Andeutungen an, ohne dass uns wirkliche Geschichten erzählt zu werden. Wo sonst als in der Kunst ist das in unserer von überdeutlichen Bildern im Film, in der Werbung, der Pressefotografie und Computergraphik überfluteten Welt noch möglich?

 

Zunächst erscheinen seine aus Maschinenteilen und geometrischen Formen zusammengesetzten Skulpturen ganz abstrakt zu sein, aber Marinus Wirtl dienen die Proportionsverhältnisse des menschlichen Körpers als Maßstab seiner abstrakten Werke, während er diese bei seinen menschlichen Figuren überzeichnet. So werden wir uns auf eine anregende Weise unseres Verhältnisses zu dem Grundaufbau der Natur bewusst und können darüber sinnlicher als in Chemie, Physik oder Biologie reflektieren.

 

Was mir auch auffiel, dass sich im Verein sowohl Großstadtmenschen als auch Landeier verbunden haben. Auch die können nur voneinander profitieren. Das weiß am besten der ehemalige Unternehmensberater und jetzt „nur“ Künstler Manfred Hinkel,  der sein Hauptaugenmerk auf die Landschaften und Segler um den Ammersee gelegt hat und uns die aktive Kraft die in Ruhe und atmosphärische Konzentration liegt, versucht malerisch näher zu bringen.

(Manfred Hinkel scheint die Panoramen der Alpen naturgetreu wiederzugeben und dennoch verändern sie sich vor unseren Augen zu Farbstrukturen. Hier weht der Föhn geradewegs auf den Betrachter herunter und reißt uns mit.)

(..)

 

Die Kunst greift nicht nur in persönliche und kulturelle Entwicklungsprozesse ein, sondern ist auch immer der Spiegel der Kultur und der Spiegel der Kunstinteressen einer Region. Kunst schafft in vielerlei Hinsicht „Vorbilder“ und erwirkt dabei auch immer „Nachbilder“. Durch Kunst lässt sich Unsagbares ausdrücken

KUNST VERBINDET“ nicht nur mit dem Außen, mit den Menschen, „KUNST VERBINDET“ uns auch, und das wohl im Besonderen, mit uns selbst, mit der ureigenen kreativen Quelle in uns. Daraus schöpfen wir, dort entspringen neue Ideen, dort entdecken wir unsere Intuition und uralte Erkenntnisse.

KUNST ÖFFNET“ Wege und bietet Zugänge in nicht sichtbare Welten. Sie öffnet Türen, um neue Methoden und Sichtweisen zu erschaffen.

Kunst befreit aus alten Mustern und füllt nach vielem Zweifeln immer wieder große Glücksmomente. „KUNST ÖFFNET“ neue Horizonte.

 

1

Thomas Pöhler in seiner Eröffnungsrede zur 1. Föhnausstellung „ Prolog“ in Kaltenberg am 10.05.12

 

2

Thomas Lochte, Weilheimer Tagblatt, 29.05.12: Artikel zur Einzelausstellung von Andrea Kreipe

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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